Erste Tiefenbohrung: Von Aha-Erlebnissen und neuen Sichtweisen

Für eilige Leser und Leserinnen

Die Sinus-Milieus sind ein Instrument der Sozialraumanalyse, um besser zu verstehen, wie die Menschen im Sozialraum "ticken". Hier bekommen Sie einen Einblick, was die Sinus-Milieus sind und was sie nicht leisten können, außerdem Hinweise zur Anwendung.

1. Gott kommt zu den Menschen – zu allen! Oder: Warum wir Methoden brauchen, die uns die Augen für alle Menschen öffnen

Vor kurzem saß ich mit dem Leiter eines größeren Pfarrverbands zusammen, um zu erfahren, wie er in seiner Gemeinde zu pastoralen Schwerpunkten kam. Im Laufe des Gesprächs sagte er: „Wissen Sie, die die regelmäßig kommen, interessieren mich schon lange nicht mehr.“

Dieser Satz hat mich lange bewegt. Er irritiert und regt zum Widerspruch an. Es ist sicher eine sehr zugespitzte Bemerkung, die eher darauf gerichtet ist, die „draußen“ nicht aus dem Blick zu verlieren als den Kern der Aktiven ganz zu vernachlässigen. Denn die häufige Fokussierung nur auf die Aktiven lässt oft vergessen, dass immer weniger Menschen zum Kern gehören.

Die Drinnen und die Draußen

Inzwischen ist die Zahl derer, die das „Gemeinde-Haus“ von außen betrachten, die inaktiven Kirchenmitglieder, mit ca. 85 % erdrückend groß geworden.1 Immer mehr Menschen überschreiten die Schwelle zur Kirchentüre nicht mehr. Dies stellt die Gemeinden heute vor eine große Herausforderung und ist reizvoll zugleich. Denn wer entdeckt nicht gerne Neues?

Ich lade Sie ein zu einem Experiment, das Sie jetzt in Gedanken – vielleicht auch mit einer Gruppe in Ihrer Gemeinde machen können: Stellen Sie sich die Urgemeinde von Jerusalem vor, nach dem Tode Jesu und vor dem Pfingstereignis. Die Apostelgeschichte schreibt: Sie „verharrten einmütig im Gebet“ (Apg 1,14) und am Pfingsttag waren alle an einem Ort beisammen. Schließen Sie die Augen, stellen Sie sich vor wie alle eng um eine brennende Kerze sitzen. (In einer Gruppe stellen Sie sich eng in einem Kreis um eine brennende Kerze).

Als der Pfingsttag gekommen war, wurden sie vom Heiligen Geist erfüllt, begannen in fremden Sprachen zu reden und gingen hinaus in alle Welt und verkündeten das Evangelium. Öffnen Sie Ihre Augen und genießen Sie neue Horizonte. (In der Gruppe drehen Sie sich nun alle nach außen. Was verändert sich?).

Gott kommt zu allen Menschen

Wenn wir daran glauben, dass Gott zu allen Menschen gekommen ist und sich allen offenbart, dann können wir nicht anders als unseren Blick „von drinnen nach draußen“ zu lenken und zu fragen: Wer sind die da draußen? Welche Einstellungen zu Religion, Glaube und Kirche haben sie? Verstehen die Menschen in den unterschiedlichen Lebenswelten und -kontexten überhaupt, was „Kirche“ ihnen sagen möchte?

Um das herauszufinden, hat die Medien-Dienstleistung GmbH – eine Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz – und die Katholische Sozialethische Arbeitsstelle in Hamm 2005 das Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision beauftragt, die religiösen und kirchlichen Orientierungen in den Sinus-Milieus zu erforschen. Ein Update dieser Studie ist 2013 gleichfalls unter Federführung der in München ansässigen Medien-Dienstleistung GmbH erschienen. Dieses Update war nicht zuletzt notwendig geworden, weil Sinus inzwischen seinerseits sein Milieumodell von 2010 aufgrund feststellbarer gesellschaftlicher Veränderungen weiterentwickelt hatte.

Die Sinus-Kirchenstudie als „Sehhilfe“

Schon seit über 30 Jahren erforscht Sinus die Gesellschaft in Deutschland. Entwickelt als Instrument für die Marktforschung ist es heute für viele Non-Profit Organisationen zu einem Instrument geworden, um Menschen besser verstehen und erreichen zu können. Sie ist so etwas wie eine Lesebrille, die uns hilft:2

  • Zu differenzieren, mit wem man es zu tun hat und nicht alle und alles über einen Kamm zu scheren.
  • Wahrzunehmen, dass die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, sehr unterschiedlich sind, in dem wie sie leben, wie sie Leben sehen, verstehen, bewerten.
  • In unterschiedliche Lebenswelten einzutauchen und uns darauf einzulassen.
  • Aus dem geschützten Drinnen aufzubrechen in neues Land, wie Abraham Gott zu suchen und zu finden in ganz neuen Kontexten.

Unser Auftrag als Christen ist es, das Evangelium den Menschen zu verkünden. „Geht hin und verkündigt“, heißt es am Ende der Evangelien. Papst Franziskus hat in seiner Predigt zum Abschluss des Weltjugendtags 2013 in Rio de Janeiro/Copacabana die jungen Menschen dazu aufgerufen, das Evangelium in jedes Milieu zu tragen: "Wohin sendet Jesus uns? Da gibt es keine Grenzen, keine Beschränkungen: Er sendet uns zu allen. Das Evangelium ist für alle und nicht für einige. Es ist nicht nur für die, die uns näher, aufnahmefähiger, empfänglicher erscheinen. Es ist für alle. Fürchtet euch nicht, hinzugehen und Christus in jedes Milieu hineinzutragen, bis in die existenziellen Randgebiete, auch zu denen, die am fernsten, am gleichgültigsten erscheinen. Der Herr sucht alle, er will, dass alle die Wärme seiner Barmherzigkeit und seiner Liebe spüren.“

Zum Weiterlesen:

Hempelmann, Heinzpeter, Gott im Milieu. Wie die Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, Gießen 2013

Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral, Milieus fordern heraus. Pastoraltheologische Deutungen zum MDG-Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2013“, Erfurt 2013
(Download: PDF Milieus fordern heraus )



1 Kehl, Reizwort Gemeindezusammenlegung, 319.
2 Vgl. Hempelmann, Gott im Milieu, 23f.

2. Was die Sinus-Milieus sind …

Die Sinus-Milieus® sind ein Instrumentarium zur Zielgruppenbestimmung. Das vom Heidelberger Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision entwickelte Konzept bietet eine Methode, um Menschen besser zu verstehen und sie dadurch besser zu erreichen. Die Basis hierfür sind deren grundlegenden Werteorientierungen und Alltagseinstellungen. Die Sinus-Milieus® bilden also die Alltagswirklichkeit in unserer Gesellschaft ab. Da das Modell dynamisch ist, lassen sich gesellschaftliche Veränderungen an den jeweiligen Modellen ablesen.

Lebenswelten

Die Sinus-Milieus® orientieren sich an der Lebensweltanalyse unserer Gesellschaft und ermöglichen dadurch eine reale Zielgruppenbestimmung. Sie betrachten die Lebenswelt und den Lebensstil von Menschen und fassen die zusammen, die sich in Lebensauffassung und Lebensweise ähneln, das heißt ähnliche Wertprioritäten und Lebensstile haben. Auf eine Kurzformel gebracht, heißt das: Milieu ist eine Gruppe Gleichgesinnter. Die Lebensweltanalyse analysiert zuerst Wertorientierungen, Lebensstile und ästhetische Präferenzen. In einem zweiten Schritt wird ergänzend durch quantitative Analysen die soziale Lage wie im Schichtenmodell berücksichtigt und alle zwei Jahre nachjustiert. Und das ist es gerade, was den Milieuansatz so interessant macht. Die Lebenswelt wird an Parametern erhoben wie: Einstellung zu Familie, Arbeit, Freizeit, Medien, Lebenssinn und Lebensphilosophie, aber auch – wie eben in der neuen Sinus-Kirchenstudie – zu Religion, Gott, Glaube und Kirche, Ehrenamt. So ergibt sich ein differenziertes, buntes Mosaik unserer Gesellschaft.

Die Kartoffelgrafik

Das Modell der Sinus-Milieus® ist in ein Rastersystem eingebaut, das so genannte „Positionierungsmodell“. Es besteht im Wesentlichen aus zwei Achsen:

Die vertikale Achse (Schichtachse) spiegelt die soziale Lage wider, in der sich ein Milieu befindet (Einkommen, Bildung, Beruf). Diese Achse ist am dreiteiligen Schichtenmodell angelehnt und teilt in die klassischen Bereiche Unter-, Mittel- und Oberschicht. Diese Achse ist die „passive Dimension“, der Einzelne hat darauf nur bedingten Einfluss.

Die horizontale Achse (Werteachse) verdeutlicht die subjektiven Faktoren, d.h. die Grundorientierungen. Diese Achse wird in drei Teilbereiche (A, B und C) untergliedert, aus denen Aussagen zur Wertorientierung hervorgehen. Da diesbezüglich ein Handlungsspielraum besteht, wird diese Achse auch als „aktive Dimension“ beschrieben.

In diesem Rahmen bewegen sich die einzelnen Milieu-Segmente, durch deren Anordnung im Milieu-Modell differenzierte Aussagen entstehen. Die Milieulandschaft – besser bekannt als Kartoffelgrafik – lässt sich grundsätzlich in drei Bereiche unterteilen:

Sozial gehobene Milieus

  • Konservativ-etabliertes Milieu
  • Liberal-intellektuelles Milieu
  • Milieu der Performer
  • Expeditives Milieu

Milieus der Mitte

  • Bürgerliche Mitte
  • Adaptiv-pragmatisches Milieu
  • Sozialökologisches Milieu

Milieus der unteren Mitte/Unterschicht

  • Traditionelles Milieu
  • Prekäres Milieu
  • Hedonistisches Milieu


Im MDG-Milieuhandbuch 2013 finden Sie alle Milieus ausführlich beschrieben. Die Fotodokumentationen der Wohnwelten sind ebenso enthalten wie alle Ergebnisse der zweiten Sinus-Milieu-Kirchenstudie „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2013“. Typische Milieuvertreter der zehn Sinus-Milieus® wurden in 100 Einzelinterviews unter anderem zu ihrer Lebensphilosophie und -sinn, zu Glück und Wohlbefinden, zu ihrer Wertehaltung, zu Spiritualität, Glaube und Religion, zur Wahrnehmung der katholischen Kirche und der kirchlichen Kommunikation, zu ihren Erwartungen an die Kirche befragt. Besonders aufschlussreich sind auch die sog. Milieupanoramen zu einzelnen Themengebieten, die die Unterschiede der Milieus prägnant formuliert und visuell zusammengefasst zu einem Thema aufzeigen.

Das Milieuhandbuch kostet 98,00 € und kann direkt als Buch oder Download über die Medien-Dienstleistung GmbH bezogen werden unter www.mdg-online.de/de/services/mdg-milieuhandbuch-2013/. Dort finden Sie auch einen Handbuch-Auszug und weitere interessante Links.

3. … und was die Sinus-Milieus nicht sind

Kein tatsächliches Abbild der Wirklichkeit und schon gar nicht ein Abbild einzelner Personen

Die Sinus-Milieus® sind ein Modell, mit Hilfe dessen wir die komplexe Wirklichkeit unserer Gesellschaft überhaupt erfassen können. Sie sind aber keine 1:1 Abbildung der Wirklichkeit, sondern das Modell verhält sich zur Wirklichkeit, ähnlich wie eine Landkarte zur abgebildeten Landschaft. Die Karte hilft uns, uns zurechtzufinden, zu erfassen, wo ein Ziel liegt (in den Bergen oder am Meer, in einer Stadt oder eher einsam auf freier Flur) und es auch zu erreichen.

„Ich kann mich in keinem Milieu wiederfinden“, ist eine oft zu hörende Aussage, die auch eine Spur angibt, die es zu berücksichtigen gilt. Richtig ist, dass die Milieuprofile idealtypisch sind, d.h. sie existieren nur annähernd in realen Menschen. Dennoch hat sich in der Arbeit mit den Milieus gezeigt, dass sie sehr häufig zutreffend sind. Zu vielen Milieus kommen uns sofort Gesichter von Menschen, die, wie im Milieuprofil beschrieben, ähnlich „ticken“. Die Milieus schärfen den Blick dafür, dass das, was für die einen normal ist, für andere völlig unakzeptabel ist. Es gibt in unserer Gesellschaft heute kein „normal“ und „nicht normal“, sondern nur unterschiedliche Blickwinkel auf ein und denselben Sachverhalt und verschiedene Lebensweisen, die Menschen prägen.

Doch ist damit auch eine Versuchung verbunden: Menschen in eine Schublade zu stecken. Die Beschäftigung mit den Sinus-Milieus® ersetzt nicht die reale Begegnung und das Gespräch mit ihnen darüber, was sie von der realen Gemeinde erwarten. So sind die Sinus-Milieus® ein Baustein in einer Sozialraumanalyse – nicht mehr und nicht weniger.

Wichtig ist zu unterscheiden: Das Milieu-Modell ist in erster Linie ein Analyseinstrument, mit Hilfe dessen wir Menschen „begegnen“ können, die wir so gar nicht in unserer Gemeinde treffen, weil wir sie nie zu Gesicht bekommen. Es hilft uns also blinde Flecken wahrzunehmen.

Von dieser Analyse ist aber der zweite Schritt zu unterscheiden: Welche Konsequenzen hat das für uns als Gemeinde? Dazu braucht es „theologische Standpunkte und Urteile, um Konsequenzen zu formulieren. D.h. wir müssen selber bestimmen, wie wir Kirche verstehen wollen.“3 Und dies kann ganz unterschiedlich sein.

Kein Rezeptbuch, kein Allheilmittel und kein Ersatz für Prioritäten

Das erste Milieu-Handbuch enthielt sogenannte do’s and dont’s und vermittelte damit den Eindruck, man brauche nur bestimmte Dinge anzuwenden, dann werde sich im Handumdrehen schon der gewünschte Effekt einstellen. Zurecht wurde daran viel Kritik geübt, denn dies erweckte die Vorstellung, das Milieuhandbuch sei eine Art Rezeptbuch im Sinne von „Man nehme und dann sind die Kirchenbänke wieder voll“.

Nicht selten tauchen zudem die Fragen auf, müssen wir alle Milieus erreichen, überfordert uns das nicht komplett, war alles, was wir bisher getan haben, falsch? Um es nochmal zu betonen: Die Sinus-Milieus® sind lediglich eine Sehhilfe, die Entscheidung, was wir damit tun, nehmen sie uns nicht ab. Richtig ist aber, keiner kann alle Milieus erreichen. Wer sagt, dass wir immer alle alles für alle tun müssen? Nicht jede Pfarrei muss das Komplettangebot für alle anbieten. Wo liegen die speziellen Begabungen bei Ihnen und bei anderen? Mit wem könnten Sie zusammenarbeiten, um ein bestimmtes Milieu zu erreichen? Dies sind Anfragen, die uns die Lebensweltperspektive vor Augen führen kann.

Letztlich hängt die Arbeit mit den Sinus-Milieus® von unserem „inneren Wahrnehmungsprogramm“ ab, ob wir darin den unaufhaltsamen Niedergang der Kirche bestätigt sehen oder darin die Aussichtslosigkeit des pastoralen Tuns erkennen oder ob wir die Daten dazu nutzen, den Aufbruch in eine „andere Form von Kirche“ zu dokumentieren.4



3 Hempelmann, Heinzpeter, Gott im Milieu, S.110.
4 Vgl. Spielberg, Bernhard, Ran an die Kartoffeln? Pastoraltheologische Optionen um Umgang mit Milieumodellen, in: Milieus fordern uns heraus, S. 72f.

4. Literaturtipp: „Lebensweltorientierte Bildung und Pastoral“. Eine Handreichung für die Praxis

Die Handreichung „Lebensweltorientierte Bildung und Pastoral“, herausgegeben vom Sankt Michaelsbund Diözesanverband München und Freising in Kooperation mit der KEB München und Freising, dem Erzb. Ordinariat und der MDG bietet grundlegende Informationen zu den Sinus-Milieus® und dem MDG-Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus® 2013“.

Die Handreichung besteht im Wesentlichen aus drei Teilen.


Pastorale Impulse und eine allgemeine Einführung in das Sinus-Milieu-Modell sowie in die MDG-Religionsstudie bilden die Einleitung. Hier können sich routinierte wie neue Anwender/innen einen Überblick verschaffen und sich orientieren.

Der zweite Teil beschreibt die zehn aktuellen Sinus-Milieus® ausführlich im jeweiligen Profil und bildet somit das Kernstück der Arbeitshilfe, aus dem direkte Anregungen abgeleitet werden können.

Im dritten Teil werden Milieu-Panoramen als Übersichtsgrafiken zur Verfügung gestellt.
Diese Arbeitshilfe steht in der Tradition milieusensibler Bildung und Pastoral und ist ausschließlich zur Verwendung für kirchliche Träger und Einrichtungen in der Erzdiözese München und Freising bestimmt. Sie kann zu je € 34,95 bzw. ab 10 Exemplaren zu je € 29,95 (zzgl. 3,00 € Versandkosten) bestellt werden per Mail über buchhandlung@lesetraum.de oder Tel. 089/232 254 20 (Fax: 089/232 251 75).

5. Umgang mit dem Sinus-Datenmaterial

Für die konkrete Arbeit vor Ort kann der Blick auf die tatsächliche Verteilung der Sinus-Milieus in Ihrem Pfarrverband oder Ihrer Pfarrei hilfreich sein. Da der Umgang mit den Milieuauswertungen geübt sein muss, können all diejenigen die Daten über die Hauptabteilung Strategie- und Organisationsentwicklung im Erzb. Ordinariat beziehen (pastoral-gestalten@eomuc.de), die über die Teilnahme an einer der sog. Anwenderwerkstätten bereits Erfahrungen mit Sinus nachweisen können.

Wie kommen die Auswertungen zustande und was sagen Sie uns?

Die microm Geo Milieus® geben Auskunft darüber, wie sich die Sinus-Milieus® in einem konkreten lokalen Raum verteilen. Dazu arbeiten SINUS® und microm® schon seit Mitte der 90er Jahre zusammen. Die Verfahren, die zu den Prozentzahlen führen sind hochkomplex. Microm® sammelt, stark vereinfacht gesagt, aus ganz unterschiedlichen Quellen Daten, die einem bestimmten Milieuprofil zugeordnet werden können und dazu auch eine lokale Kennzeichnung haben. Für jedes Haus in Deutschland hat microm® die statistische Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der die einzelnen Sinus-Milieus® dort vorkommen. Das bedeutet, dass die Sinus-Milieus® ebenso auf vorhandene Adressbestände wie auf beliebige Flächengliederungen, z.B. Gemeinde, PLZ, Straßenabschnitte oder sog. Mikrozellen – als kleinste Raumeinheit – projiziert werden können. Dabei gelten folgende Regeln:

  • Es wird das Haus (mind. 5 Haushalte) und nicht die Einzelperson bewertet.
  • Basis für die Zuweisung sind die dominanten Milieuwahrscheinlichkeiten in einem Gebäude verglichen mit den Wahrscheinlichkeiten im Referenzgebiet.
  • Es kann also sein, dass z.B. Herr Müller als Expeditiver in einem Umfeld, das durch die Bürgerliche Mitte geprägt ist und so auch ausgewiesen ist, wohnt.
  • Es zeigt aber die Erfahrung, dass es sich dabei oft um angrenzende Milieus handelt.
  • Die soziale Wirklichkeit der Lebenswelten ist nicht so exakt eingrenzbar wie soziale Schichten. Es gibt eine „Unschärferelation der Alltagswirklichkeit“ (Sinus).

Die Zusammenstellung der microgeographischen Daten und deren dargestellte Auswertung entspricht den Anforderungen des deutschen und des kirchlichen Datenschutzes.

Damit werden die Sinus-Milieus® für Direktmarketing-Anwendungen sowie räumliche Planungen zugänglich gemacht und erhalten über ihre generelle strategische Aussage hinaus einen lokalisierbaren und vielfältig anwendbaren Nutzen.

Bei allen gerechtfertigten Anfragen an den Datenschutz heute und bei aller Kritik an der allzu leichtfertigen Preisgabe persönlicher Daten halten die Milieuauswertungen doch einige Chancen bereit. Sie machen die Milieus vor Ort noch greifbarer und decken blinde Flecken auf. Beispielweise wird in vielen Gemeinden die Bedeutung der Bürgerlichen Mitte überschätzt.

Zum reflektierten Umgang mit den Daten gehört genauso die Ergänzung durch die Beobachtungen vor Ort. Nur so können sie auch richtig interpretiert werden. Dies in einem größeren Kreis zu tun, kann zu einer sehr differenzierten Sicht und Interpretation der Wirklichkeit führen.

6. Die Arbeit mit den Sinus-Milieus – Wie und was bingt‘s?

Zur Einführung in die Sinus-Milieus® empfiehlt sich ein Projekt-Tag. Dies erlaubt es in die Terminologie einzutauchen, die vielen Informationen besser zu verarbeiten, aber auch das pastorale Handeln in der Pfarrei zu reflektieren mit den Leitfragen:

  • Welche Milieus erreichen wir mit unseren Angeboten?
  • Woran ist das pfarrliche „Tagesgeschäft“ orientiert?
  • Welche Milieuressourcen liegen brach?
  • Welche Angebote für welche Zielgruppe können wir entwickeln und wie können diese aussehen?

Sinus geschulte und erfahrene Referenten vermittelt Ihnen die KEB München und Freising wie auch der Diözesanrat. Schon in vielen Gemeinden hatte die Beschäftigung viele „Aha-Erlebnisse“ zur Folge, denn was vorher diffus als Ahnung vorhanden war, bekommt durch den Blick auf die Milieus Konturen.

Die Arbeit mit den Sinus-Milieus kann für Sie folgenden Nutzen bringen:

  • Sozialwissenschaftlich fundierter Außenblick auf die Pfarrei, der über ansonsten angestellte „Mutmaßungen“ hinausgeht.
  • Daten müssen nicht extra erhoben werden, greifen auf ein sozialwissenschaftliches Instrumentarium zurück, das man sich nicht selbst erarbeiten muss und damit „arbeitsökonomisch“ ist.
  • Sinus-Milieus® sind sehr anschaulich und regen zum eigenen Reflektieren an. Selbst- und Fremdwahrnehmung werden geschärft.
  • Entlastung der Haupt- und Ehrenamtlichen, warum bestimmte Angebote nicht ankommen (können).
  • Pfarrei wird in die Lage versetzt, ihr Angebot zu überprüfen, weitere Schritte einzuleiten und aufbauend auf die Milieu-Kenntnisse adäquate Milieu- und Zielgruppenangebote zu entwickeln.

7. Milieusensible Pastoral und die Begegnung mit den Menschen

Vielerorts sind Milieu-Experimente gewagt worden, sie hier aufzuführen, würde zu weit führen. Auf der Homepage www.milieus-kirche.de finden Sie Praxisprojekte unter www.milieus-kirche.de/praxis-beispiele/. Ein sehr gelungenes Beispiel, wie sich Gemeinde neu aufbaut, die besonders das Milieu der Expeditiven in den Blick nimmt, ist „Zeitfenster“, eine Gemeinde der katholischen Pfarre Franziska von Aachen. Schauen Sie rein und lassen Sie sich inspirieren oder auch irritieren unter www.zeitfenster-aachen.de

Auch wenn diese Beispiele sehr anregend sind, so sind doch die Situationen zu unterschiedlich, als dass sie 1:1 übertragbar sind und vor allem können sie eines nicht leisten: Sie ersetzen nicht die Begegnung und das Gespräch mit den Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus bei Ihnen vor Ort. Haben Sie den Mut, mal etwas auszuprobieren.

Zum Weiterlesen:

Hempelmann, H./Schließer, B./ Schubert, C./ Weimer, M., Handbuch Taufe. Impulse für eine milieusensible Taufpraxis, Neukirchener Verlag 2013

Sellmann, Matthias, Wolanski, Caroline (Hg.), Milieusensible Pastoral. Praxiserfahrungen aus kirchlichen Organisationen, Würzburg 2013

8. Von Kartoffeläckern und Perlen der Lebenspraxis oder wie man die Sinus-Milieus noch begreifen kann

Ändern wir nochmal unsere Blickrichtung. Anstatt immer nur zu analysieren, wie wir die einzelnen Milieus besser erreichen, wie wir unsere Angebote zielgruppengenauer darauf abstimmen, könnte man auch fragen: Welche Botschaften des Evangeliums kommen uns in den Milieus entgegen? Was halten Sie an Prophetischem für uns bereit? Welche Werte unserer christlichen Tradition sind die Schätze im „Kartoffelacker“?

Matthias Sellmann, Professor für Pastoraltheologie und Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung bringt dies so auf den Punkt: „Wenn Sie das mal so salopp erlauben: Die sozialen Milieus der Kartoffelgrafik sind jene Kartoffeläcker des Evangeliums, in deren Perlen der Lebenspraxis, der Weltauffassung und der Grundwerte sich das Evangelium selbst versteckt hält. Und die soziologische Milieutheorie erschließt die Navigation auf diesen Äckern.

Es ist nun an uns, wie der Kaufmann zu handeln, den Jesus lobt: Verkaufen wir … unsere Selbstgewissheit, unsere Gottesgewissheit, …, unsere Sehnsucht nach dem ‚katholischen Profil‘, unsere nostalgischen Rückblicke in scheinbar bessere Zeiten.“5


5 Gefunden in: Lebensweltorientierte Bildung und Pastoral, hrsg. V. Sankt Michaelsbund, S. 5.

9. Impuls: allen alles werden

allen alles werden

den performern ein performer

den sozialökologen ein sozialökologe

den prekären ein prekärer

 

kann ich das

will ich das

geht das

 

Gott kommt uns entgegen

in jedem Milieu

 

haben wir den Mut

tauchen wir ein

in die Milieus

und

wir tauchen auf

bei Gott

                 Claudia Pfrang