Fünfte Wegetappe: Wohin soll es gehen? Unsere Grundanliegen und Optionen

Für eilige Leser und Leserinnen

Nach einer ausführlichen Situationsanalyse und ersten Umsetzungsideen entsteht oft das Gefühl, nicht klar zu sehen, wohin man eigentlich steuern soll. Hier ist es wichtig, im Prozess eine kurze „Atempause“ einzulegen, sich des gemeinsamen Fundaments zu vergewissern und gemeinsam zu überlegen: Wie deuten wir zusammen die Herausforderungen? Wie soll unser Haus in Zukunft aussehen? Auf welchem Fundament steht es? Aus welchem Leitmotiv heraus handeln wir? Nicht zuletzt gilt es, gemeinsam getragene Optionen für das Handeln zu formulieren und für alle sichtbar zu machen.

1. Wohin soll es gehen?

Viele, sicher auch neue Erkenntnisse haben Sie in Ihrem bisherigen Prozess gesammelt. Diese ergeben bereits ein erstes Mosaik Ihrer Gemeinde. Hypothesen wurden gebildet, manche Idee ist vermutlich schon präzisiert oder steht in den Startlöchern, anderes mutet vielleicht an wie ein Sammelsurium an Erkenntnissen und Vorschlägen - es ist nicht so richtig erkennbar, wohin das führen soll. Mancher fragt sich vielleicht, ob das alles jemals ein Gesamtbild ergibt.

Häufig stellt sich in Gemeinden und Einrichtungen nach der Sozialraumanalyse und Bestandsaufnahme eine gewisse Ratlosigkeit oder - angesichts der Fülle an Material - ein Gefühl der Überforderung ein. Dies äußert sich in Fragen wie: Was sollen wir denn noch alles tun? Müssen wir allen gerecht werden? Können wir überhaupt Menschen, die wir bisher nicht erreicht haben, ansprechen, die kommen ja doch nicht? Haben wir genügend Ehrenamtliche, die mittun – es sind doch eh immer dieselben, die sich engagieren? Diesen Fragen ließen sich noch einige hinzufügen.

Die Einzelteile der Wirklichkeit zu einem Bild zusammensetzen – wie geht das?

Analyse heißt „Auflösen“: die Wirklichkeit wird in ihre Bestandteile zerlegt. Nie kann alles betrachtet werden. Da unsere Wirklichkeit aber so komplex und vielfältig geworden ist, entsteht bei der Analyse oft der Eindruck, dass alles nur noch unübersichtlicher geworden ist. Dann kommt der Zeitpunkt, an dem die Einzelteile wieder nach einem Muster zu einem Ganzen zusammengesetzt werden müssen. Dazu brauchen wir jedoch eine – zumindest ungefähre – Vorstellung davon, wo es hingehen soll.

Hier ist es an der Zeit, sich darüber zu verständigen, welche Vorstellung von Gemeinde Sie persönlich, Sie als Steuerungsgruppe, Sie als Seelsorgeteam, Sie als PGR, einfach all diejenigen haben, die sich auf den Prozess eingelassen haben und wie Sie sich als Gemeinde weiterentwickeln wollen.

2. Worauf bauen wir? Unser Fundament

Eine Option ist eine getroffene Grundentscheidung, die im Handeln konkret wird. Es ist letztlich eine Haltung, die einer Spiritualität erwächst und in ein Verhalten mündet, das wiederum Verhältnisse schafft. Bevor Sie gemeinsame Optionen für Ihr Handeln entwickeln, braucht es daher eine Verständigung darüber, was Sie als Gemeinde hält und trägt – eine Verständigung über Ihr gemeinsames Fundament, Ihre Spiritualität als Gemeinde.

Lassen Sie uns zurückblicken auf die Erste Wegetappe: Die geistlichen Kräfte aktivieren. Denn letztlich geht es im pastoralen Gestalten nicht um einen technischen Vorgang der Organisationsentwicklung, sondern um einen geistlichen Wachstumsprozess, der in konkreten Veränderungen in der Organisation der Pfarrei „Fleisch annimmt“. So ist es gerade in anstehenden „Sortierungs- bzw. Fokussierungsphasen“ wichtig, innezuhalten und sich auf die gemeinsamen Wurzeln und Vorstellungen zu besinnen. Wie sieht Ihre gemeinsam getragene Vision aus, wie Kirche vor Ort gestaltet sein soll? Vielleicht haben Sie sich schon zu Beginn auf eine gemeinsame biblische Leit-Geschichte verständigt. In diesem Falle lohnt wieder einmal ein gemeinsamer Blick darauf, denn möglicherweise hat sich inzwischen etwas für Sie und Ihre Gemeinde/Einrichtung verändert. Wenn nicht, dann kann die folgende biblische Geschichte Anstoß für eine Selbstvergewisserung als Gemeinde/Einrichtung sein.

Haus auf Fels oder auf Sand – Unser Fundament

Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut.

Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute.

Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört. (Mt 7,25-27)

Nur wer ein festes Fundament hat, kann ein solides Haus bauen, das in den Stürmen der Zeit Bestand hat. Übertragen auf uns heißt das: Nur wenn wir die Zukunft unserer Gemeinde/Einrichtung auf einem gemeinsam tragenden und getragenen Fundament aufbauen, wird es uns gelingen, ein solides Gemeindehaus zu bauen oder unser heutiges umzubauen, das den Menschen in der Welt von heute Heimat und Freiraum bietet, das offen ist, Menschen zu empfangen, aber auch wieder gehen zu lassen – oder wie stellen Sie es sich vor?

Sich in der Pfarrei/im Pfarrverband/in der Einrichtung über Auftrag und Selbstverständnis zu verständigen, die das Fundament des gemeinsamen Gemeindehauses sind, ist der erste Grundstein.

Überlegen Sie gemeinsam:

  • Was zieht uns? Was will Gott heute und hier von uns?
  • Was begeistert uns und hält uns zusammen? Gibt es ein Bild, mit dem Sie die Pfarrei/den Pfarrverband/die Einrichtung beschreiben können?
  • Was zeichnet uns aus und macht die Pfarrei/den Pfarrverband/die Einrichtung unverwechselbar, so dass Sie sagen können: „Kommt und seht“?

3. Unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in der Welt von heute?

Der Grundauftrag der Christen ist und bleibt die Verkündigung des Evangeliums unter den Bedingungen des Hier und Heute und zwar so, dass die Botschaft bei den Menschen ankommt und verstanden werden kann. „Dabei gibt es“, so der Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn, „zahlreiche Indizien dafür, dass gerade die "essentials" des christlichen Glaubens immer weniger in die Plausibilitätsstrukturen der Gegenwart vermittelbar sind.“1 Es ist und bleibt die Schlüsselfrage für alle, wie wir anschlussfähig an die Menschen von heute bleiben: in dem, was und wie wir die Botschaft verkündigen.

¹Höhn, Hans-Joachim, „Wo führt das alles hin?“ Perspektiven einer Religionsdiagnostik, in: Becker, Patrick/Diewald, Ursula (Hg.), Die Zukunft von Religion und Kirche in Deutschland. Perspektiven und Prognosen, Freiburg i.Br. 2014, S. 69.

4. Welches Gemeindehaus wollen wir?

Mit dem Fundament ist der Grundstein gelegt, doch noch kein Gemeinde-Haus gebaut. Es braucht – um im Bild zu bleiben – eine Vorstellung davon und eine Entscheidung darüber, welches Haus darauf entstehen soll. Soll es z.B. ein komfortables Einfamilienhaus werden oder ein Mehrgenerationenhaus? Übertragen auf die Gemeinde könnte die Frage heißen: Soll unsere Gemeinde ein Ort für die Kirchgänger und Engagierten oder Lebensort für alle sein? Können wir akzeptieren, dass viele nur sporadisch am Leben teilnehmen und trotzdem zu uns gehören oder wie stellen wir uns das vor?

Diagnose: die Spannung von Kern und Rand – Pastoral der Tiefe und Weite

Gemeinden von heute sind eingespannt zwischen denen, die aktiv mittun, dem Kern der Gemeinde, die zuweilen keinen Veränderungsbedarf sehen und den Menschen „außerhalb“, die sich zuweilen schon von der Ortsgemeinde, nicht aber von ihrer religiösen Sehnsucht verabschiedet haben. Doch kann es ohne Kern einen Rand und ohne Rand einen Kern geben? Wer bemüht sich um das religiöse Leben vor Ort? Die Spannung von Kern und Rand ist theologisch gesehen die Spannung zwischen Sammlung und Sendung. Konkret heißt dies: Wie kann Gemeinde heute so organisiert sein, dass sie - wie es der Pastoraltheologe Herbert Haslinger nennt – Lebensort für alle werden – kann? Aber kann sie das angesichts der Orientierungen der Menschen überhaupt noch leisten? Braucht es nicht neben einer „Pastoral der Dichte“ genauso eine „Pastoral mit Breitenwirkung“ – wie es Medard Kehl nennt – die über das Territorium der Pfarrei hinausgeht? Braucht es eine ganz neue Art, Kirche und Gemeinde von den Menschen her zu denken? Platz für alle zu haben, verlangt von der Gemeinde, viele Formen der Teilnahme an der Gemeinde zuzulassen, zu respektieren und zu legitimieren: von der Sympathie in der Diskussion über Gentechnik bis zum aktiven Mittun beim Kinderwortgottesdienstkreis, von der Distanz der Kindergarteneltern bis zur verbindlichen Nähe des Gottesdienstbesuchers.

In der letzten Konsequenz fordert dies ein neues Gemeindebewusstsein, das von der Ideologie Abschied nimmt, „dass Christsein sich nur in Gemeinde ereignet und immer in Gemeinde einmünden muss“2. Braucht es vielleicht nicht auch in unseren Gemeinden Inklusion, d.h. „einfach“ zu lernen und zu begreifen, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind und ihnen Heimat zu bieten?

Folgende Fragen fokussieren eine gemeinsame Diskussion.

  • Unser Selbstverständnis als Gemeinde: Wie verstehen wir uns? Wer gehört dazu? Wie stellen wir uns unsere Gemeinde/Einrichtung vor?
  • Unsere Optionen: Was ist uns wichtig? Was sind unsere Grundhaltungen? Was bedeuten die Erkenntnisse der Sozialraumanalyse für uns?
  • Unsere Zukunft: Wie soll die Gemeinde/Einrichtung in fünf Jahren aussehen? Wohin wollen wir uns entwickeln? Welchen Trends und Entwicklungen stellen wir uns?

²Baumgartner, Isidor, Abschied und Aufbruch – Zum Gestaltwandel der Pastoral heute in: Fonk/Schlemmer/Schwienhorst-Schönberger, Zum Aufbruch ermutigt, Freiburg u.a. 2000, S.309.

5. Wohin wollen wir uns entwickeln? Unsere Optionen

Im Dreischritt von Wirklichkeit analysieren – Wahrnehmungen deuten – Herausforderungen erkennen, entstehen Handlungsoptionen für die Zukunft.

Nach Bernhard Spielberg lassen sich an fünf Elementen bereits heute neue Gestalten von Kirche erkennen. Diese fünf Elemente können Anregungen für die Entwicklung von Optionen vor Ort sein.3

Biographische Aufmerksamkeit

Es gibt nicht nur die Freiheit, sondern auch die Pflicht, das eigene Leben zu gestalten und zu präsentieren. Orte, an denen Menschen ihre Berufung entdecken und leben können, werden gefunden.

Ästhetische Attraktivität

Man kann nicht nicht milieusensibel kommunizieren. Orte, an denen es gelingt, das Evangelium von denen her zu entdecken, denen man es verkündet (Rainer Bucher), sind attraktiv.

Diakonische Berührbarkeit

Im Umgang mit den Ausgeschlossenen zeigt sich die Glaubwürdigkeit des Evangeliums. Orte, an denen die herrschenden sozialen Grenzen überwunden werden, strahlen Hoffnung aus.

Spirituelle Sprachfähigkeit

„Nur wer religiös angesprochen wird, antwortet religiös.“4 Orte, an denen nicht über, sondern in Gottes Gegenwart gesprochen wird, sind kraftvoll.

Lokale Erfahrbarkeit

Eine Kirche, die die unhintergehbare Individualität der Menschen respektiert, wird eine „liquid church“ (Pete Ward) sein. Das heißt: eine Kirche, die von der Sehnsucht der Menschen nach Gott her gestaltet ist. Orte, die davon ausgehen, fragen erst am Ende nach den Strukturen.

³Vgl. im Folgenden: Spielberg, Bernhard, … damit die Kirche am Leben dranbleibt. Den Gestaltwandel der Kirche vor Ort begleiten, Manuskript 2014, S. 3.
4Nassehi, Armin, Erstaunliche religiöse Kompetenz. Qualitative Ergebnisse des Religionsmonitors, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, S.113-133, hier S.129.

6. Vermeiden Sie Ewigkeitsdiskussionen: Gehen Sie es an

Solche Grundsatzdiskussionen sind äußerst notwendig zur Selbstvergewisserung nach innen, werden aber selten konkret und führen ins Handeln. Daher müssen sie auch irgendwann wieder an einen Punkt gelangen und abgeschlossen werden. Deshalb: Achtung vor Ewigkeitsdiskussionen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Begrenzung diesen Diskussionen gut tut und sie nur dann weiterführen, wenn der rote Faden in die Praxis verlängert wird.

Folgende Fragen können helfen, erste Schritte in die Praxis zu gehen:

  • Unsere Basis: Was funktioniert schon und kann ausgebaut werden?
  • Unsere Zukunft: Wo ist der größte Handlungsbedarf? Was wollen wir angehen?
  • Zentrale Veränderungen: Was sollte in 5 Jahren erreicht sein und wie kann das gehen?
  • Akteure: Wer wird aktiv und wen können wir noch mit ins Boot holen?

7. Grundanliegen und Optionen – ein Beispiel aus einem Pfarrverband

Der Pfarrverband Feldmoching hat in seinem Pastoralprozess folgende Optionen herausgearbeitet:

  • Grundanliegen: Förderung der Kirchenentwicklung in Sozial- und Lebensräumen der Menschen
  • Option für das Aufsuchen und Fördern der Charismen aller: Wechsel von aufgabenorientierter zu gabenorientierter Seelsorge
  • Option für die Einladung zum Glauben: Förderung differenzierter Wege, um für alle Christinnen und Christen Glauben anzubieten, zu erneuern und zu vertiefen
  • Option für die Verbindung von Liturgie und Leben: Aktive Teilnahme aller Gläubigen an der Liturgie
  • Option für eine dienende Kirche: Förderung einer offenen, einladenden, versöhnenden und solidarischen Kirche

8. Grundanliegen und Optionen sichtbar machen

Grundanliegen und Optionen werden nur transparent, wenn sie auch sichtbar gemacht werden. Dazu haben bereits einige Pfarreien pfiffige Ideen entwickelt.

Die Pfarrei St. Sebastian in Ebersberg hat beispielsweise zu fünf wichtigen Optionen Postkarten entwickelt, die aufliegen und schnell wieder vergriffen sind, bei Elternabenden verteilt werden, in mancher Post einfach dabei liegen. Wer einen Blick darauf werfen möchte, findet sie unter hier.

9. Impuls

Manchmal muss man schnell handeln
Manchmal muss man tiefer gehen
Worauf bauen wir
Was
Wie
damit wir nicht auf Sand bauen
und alles schnell weg ist
damit wir auf Fels bauen
und das Haus den Stürmen der Zeit Stand hält

Claudia Pfrang