Zweite Wegetappe: Den Aufbruch vorbereiten und aufbrechen. oder: Was passiert, wenn nichts passiert?

Für eilige Leser und Leserinnen

Diese Wegetappe gibt Ihnen wichtige Tipps anderer Pfarreien weiter, wie Sie gut anfangen können und was Sie für einen guten Start beachten sollten. Erfahrungen aus anderen Pfarreien geben Ihnen einen Einblick, wie der Prozess hin zu einem Pastoralkonzept konkret gestaltet werden kann. Nicht zuletzt finden Sie eine biblische Argumentationshilfe für Zweifler.

1. Was es braucht, um anpacken zu können

So vielfältig die Pfarreien in unserem Erzbistum sind, so vielfältig werden auch die Wege sein, die die Pfarreien und Pfarrverbände sowie kategoriale Seelsorgeeinheiten gehen werden. Welche Formen sich bereits schon bei anderen Pfarreien bewährt haben, werden wir Ihnen mit dieser begonnenen Etappenbeschreibung weitergeben.

Damit der Prozess gelingen kann, so haben erste Erfahrungen gezeigt, ist es wichtig im Vorfeld zu klären:

Zeitliche Verfügbarkeit und der Mut Dinge wegzulassen

Mit Ihrem Projekt „Pastoral gestalten“ legen Sie Spuren für eine zukunftsfähige Pastoral. Die vorhandenen Ressourcen und Charismen in Ihrer Pfarrei/ihrem Pfarrverband, den kategorialen Seelsorgestellen, Verbänden, Orden und geistlichen Gemeinschaften spielen dabei eine zentrale Rolle.

Im Vordergrund aller Überlegungen stehen die Gegebenheiten der Pastoral vor Ort, die Arbeitsweise des Seelsorgeteams und der Gremien in der Pfarrei und Pfarrverband, die Anliegen der kategorialen Seelsorgestellen und weiterer Beteiligter aus Verbänden, Orden und geistlichen Gemeinschaften und deren zeitlichen Verfügbarkeit.

Leitend ist das, was Sie und Ihre Mitstreiter/innen an Zeit und Fähigkeiten zu investieren bereit sind. Darüber hinaus können Sie aber auch überlegen, wen Sie für einen solchen Weg – gerade auch außerhalb der Gremien und der schon Engagierten evtl. gewinnen können.

Auch der Prozess selbst wird unterschiedlich intensive Phasen und Zeiten haben. So werden sich Phasen von intensiver Arbeit am Projekt im „Innenkreis“ (z.B. im Projektteam oder mit den Gremien der Pfarrei) abwechseln mit Phasen des Überlegens, der Kommunikation nach außen. Projekttage, Pfarreiforen, offene Workshops, Dorfgemeinschaftsabende sind ganz unterschiedliche Formen, die sich in einigen Pfarreien bewährt haben und für die wir Ihnen zu einzelnen Themen methodische und inhaltliche Vorschläge liefern.

Wichtig ist: So ganz ohne den Einsatz von Ressourcen wird es nicht gehen. Im Blick auf die eigenen Kräfte war in vielen Gemeinden folgende Frage weiterführend: Was kann für einen bestimmten Zeitraum weggelassen werden, um Luft für den Prozess zu haben? Schon mancher Pfarrgemeinderat hat beispielsweise, um Ressourcen für diesen Pastoral-Weg zu gewinnen, die Sachausschussarbeit für eine Wahlperiode weggelassen.

Konkret: Trauen Sie sich, realistisch zu entscheiden und lassen Sie auch anderen Freiraum, wie viel Zeit sie investieren wollen und können. Was können Sie in dieser Zeit weglassen?

Aus den Erfahrungen anderer Pfarreien kann man sagen, dass der Prozess 1 bis 2 Jahre dauert.

Wer gestaltet

„Was alle angeht, soll auch von allen entschieden werden.“ Dieses alte Rechtsprinzip legt nahe, am Prozess der Entwicklung eines pastoralen Konzepts für einen pastoralen Raum, z. B. die Pfarrgemeinde/den Pfarrverband möglichst viele zu beteiligen.

Vor dem Hintergrund der Individualisierung und abnehmender Kirchenbindung ist diese Maxime unter heutigen Gemeindesituationen nahezu unrealistisch. Es ist zu respektieren, dass Menschen sich unterschiedlich beteiligen (wollen) und sich auch absentieren. So hat die Erfahrung aus vielen Gemeinden gezeigt, dass das Ziel „Aktivierung der Gemeinde“ durch einen derartigen Prozess nicht einzulösen ist.

Es wird vor Ort ganz unterschiedlich sein, von wem die Initiative für den Prozess ausgeht, wer den Prozess steuert, verantwortet und gestaltet: Die Seelsorger/innen, die ehrenamtlich in der Pfarrei Verantwortlichen, Aktive in der Pfarrei, die etwas verändern wollen …

Konkret bewährt hat sich:

  • Die Zustimmung von PGR und Seelsorgeteam (möglichst auch der Kirchenverwaltung), diesen Prozess zu beginnen und die Ideen umsetzen zu wollen.
  • Die Vereinbarung zur Beteiligung der kategorialen Seelsorgestellen, von Orden, Verbänden und geistlichen Gemeinschaften.
  • Die Einrichtung eines Steuerungs-/Konzeptteams, das den Ablauf und den Fortgang des Prozesses im Blick hat.
  • Die Einbindung der Pfarreimitglieder auf unterschiedliche Weise z.B. durch Gemeindeforen, offene Workshops etc.

Was gut ist zu klären

Hilfreich ist es in jedem Falle zu klären und eigens schriftlich festzuhalten:

  • Wer steuert den Prozess? 
    Gibt es eine Konzept-/Steuergruppe? Welche Aufgabe hat sie? Wenn nicht, wer achtet darauf, dass der Prozess nicht einschläft? Gibt es einen Zeitplan?
  • Wie ist die Reichweite des Erarbeiteten? 
    Für wen gilt was?
  • Wer ist in welchen Phasen einzubeziehen?
    Wer informiert wen? Wie wird die Gemeinde vom Prozess informiert, wer kommuniziert in die Gemeinde hinein? Wer bearbeitet Störungen?
  • Wie konkret soll das Konzept sein?

2. Wie die Entwicklung eines Pastoralkonzepts konkret werden kann – zwei Beispiele

Die Gründung der Stadtteilkirche Rosenheim - am Wasen war Motivation, gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten. Es wurde ein Konzeptteam gebildet mit Mitgliedern von PGR und Kirchenverwaltung aus allen Pfarreien sowie allen Mitgliedern des pastoralen Teams.

Mit Unterstützung der Gemeindeberatung wurde zu einem Konzepttag eingeladen. Hier standen folgende Fragen auf der Tagesordnung:

  • Was wollen wir den Menschen über unseren Glauben sagen, welche Botschaft
    wollen wir vermitteln?
  • Was wollen wir in unserer Stadtteilkirche leben, welche Kultur soll spürbar sein?
  • Welches innere Bild der Stadtteilkirche habe ich, wenn ich 10 Jahre voraus denke?
    Was ist bis dahin geschehen?

Als besonders weiter- und zusammenführend erwies sich der Auftrag an die jeweiligen Pfarreimitglieder in der Konzeptgruppe, sich mit der Fotokamera durch den eigenen Stadtteil zu bewegen, um folgende Aspekte im Bild festzuhalten: Welche Menschen leben bei uns? Wie leben die Menschen bei uns? Was haben wir schon? 

Ergänzt wurden diese Wahrnehmungen durch eine Bestandsaufnahme der Stärken und Aktivitäten der Gemeinde, aber auch verbunden mit der Frage, was in Zukunft entbehrlich sein könnte. Daneben war es wichtig, das Potential des Personals, der Haupt- und Ehrenamtlichen zu heben und nach möglichen Synergieeffekten Ausschau zu halten. Ein letzter Schritt bestand darin, alles in die Form eines pastoralen Konzepts zu bringen. Der vom Stadtteilkirchenrat verabschiedete Pastoralplan beschreibt den Prozess der Konstituierung der Stadtteilkirche: die Ausgangssituation, die bereits erfolgten Schritte hin zur Integration der drei Gemeinden, Perspektiven für die künftige pastorale Arbeit und Möglichkeiten ihrer Umsetzung. Er soll jeweils in der Mitte einer PGR-Periode vom pastoralen Team und den Pfarrgemeinderäten überprüft werden. 

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der Stadtteilkirche unter
www.kirchenamwasen.de

Mit einem Beschluss des Pfarrgemeinderats am Ende der PGR-Klausur im April 2010 startete die Pfarrei Ebersberg 2010 das Projekt „Pfarrei St. Sebastian 2030“ im Rahmen des Modellprojets „Entwicklung pastoraler Ziele“ des Kath. Kreisbildungswerks Ebersberg.

Der Prozess sollte nicht „nebenher“ laufen und so beschlossen die PGR-Mitglieder, außer dem Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit keine weiteren einzuberufen. Damit konnten die PGR Mitglieder Zeit und Ressourcen für den Prozess aufwenden.

Eine Steuerungsgruppe wurde bestehend aus drei interessierten PGR-Mitgliedern, einem Mitglied aus dem Seelsorgeteam sowie einem Mitglied aus der Kirchenverwaltung einberufen. Für Widerstände und Anregungen aus der Pfarrei gab es damit mehrere Ansprechpartner/innen. Auch der Einbezug der Kirchenverwaltung hat sich v.a. im Blick auf die Umsetzung konkreter Maßnahmen, die oft auch mit dem Einsatz von Geld verbunden sind, „bezahlt gemacht“. Trotz sehr aktiver Steuerungsgruppe wurde darauf geachtet, dass die Richtlinienkompetenz beim PGR blieb. D.h. Wegweisendes wurde von den Mitgliedern der Steuerungsgruppe in den PGR getragen und dort entschieden.

Als Ziele für den Prozess formulierte die Steuerungsgruppe für den Pfarrbrief im Herbst 2010: „Nach diesem Prozess, der auf 1,5 Jahre angelegt ist, wollen wir eines nicht: ein Papier, das möglichst bald wieder in der Schublade verschwindet. Vielmehr wird es eine gemeinsame Herausforderung sein, Ziele zu formulieren, die spezifisch (konkret), attraktiv, messbar, realistisch und terminierbar sind. Ebenso verständigten wir uns darauf, dass dieser Prozess möglichst viele anspricht, „angeht“ und anrührt, also so angelegt ist, dass möglichst viele ihre Sicht, ihre Meinung, ihre Erwartungen an die Gemeinde formulieren können. Dies wird bereits in einem ersten Schritt sichtbar, der Situationsanalyse. So planen wir neben einer Fragebogenaktion auch Interviews mit Menschen unterschiedlichster Milieus.“

Den Weg zur Erstellung des Pastoralkonzepts der Pfarrei St. Sebastian Ebersberg finden Sie dokumentiert auf der Homepage der Pfarrei St. Sebastian unter: „Dem Glauben Zukunft geben in EBE“.

3. Unser Gewinn auf dem Weg zum Pastoralprozess war …

Das haben Pfarreien auf dem Weg zum pastoralen Konzept „mitgenommen“ …

  • Uns wurde schnell klar: Weiter so wie bisher, das geht nicht mehr lange! 
  • Das Projekt ermöglichte uns, aus dem Hamsterrad der herkömmlichen PGR-Arbeit auszusteigen, Neues kennen zu lernen und die Pfarrei neu zu entdecken.
  • Wir haben im PGR zu einer ganz anderen und neuen Arbeitsweise gefunden, die die Arbeit herausfordernder, aber auch interessanter macht. 
  • Das Projekt machte uns deutlich und ermutigte uns, dass wir uns als Pfarrei nach außen zeigen müssen, um Glaube und Kirche sichtbar zu machen. Daraus sind ganz interessante Projekte entstanden.
  • Wir sind neu zusammengewachsen und haben die anderen Pfarreien besser kennengelernt. Es sind Brücken zwischen Menschen und damit den Pfarreien gewachsen. Es ist ein WIR-Gefühl über die Grenzen der Pfarrei hinaus entstanden.

4. Was passiert, wenn nichts passiert?

Wenn Sie sich auf den Weg machen, werden Ihnen immer wieder Menschen begegnen mit der Frage: Warum sollen wir ein Pastoralkonzept entwickeln? Was wollen „die da oben“ von uns? War das, was wir bisher getan haben, nichts? 

Dagegen zu argumentieren, hilft hier oft nicht weiter. Viele Verantwortliche in den Pfarreien sind skeptisch gegenüber neuen Dialogprozessen geworden. Und es ist auch wahr: Viele Dialogprozesse gab es in der Kirche Deutschlands schon, deren Erfolg kaum sichtbar und wenig messbar – jedenfalls an der Basis – erscheint. 

Die, die in den Gemeinden aktiv mitarbeiten, leisten viel und sind nicht selten an einer Grenze angelangt. Was sollen wir noch tun? Ist da häufig die Frage. 

Stellen Sie sich und den Kritikern einmal die Gegenfrage: Was passiert, wenn nichts passiert? 

Was wäre passiert, wenn die Jünger Jesu damals nicht Jesus gefolgt wären? Was wäre passiert, wenn sie nicht auf Jesus vertraut und nach einem missglückten Fischfang nicht erneut die Netze ausgeworfen hätten? 

Vielleicht gehen Sie selbst oder zusammen mit denen, die gemeinsam Pastoral in Ihrer Pfarrei/Ihrem Pfarrverband gestalten wollen zu Beginn gemeinsam diesen Fragen nach verbunden mit dem biblischen Text von der Berufung der ersten Jünger.

5. Den Weg als geistlichen Prozess sichtbar machen

Der Weg, gemeinsam die Zeichen der Zeit im Blick auf die Pastoral wahrzunehmen und im Lichte des Evangeliums zu deuten, ihn also als geistlichen Weg zu gestalten, im Vertrauen darauf, dass Gott sein Volk Gottes auf dem Weg durch die Zeit leitet, ist eine Herausforderung für jede Gemeinde. Wird dies nicht deutlich, besteht die Gefahr, dass er als reiner Organisationsentwicklungsprozess gesehen wird, wie ihn viele Unternehmen gehen.

Daher finden Sie am Ende einer jeden Wegetappe/einer jeden Tiefenbohrung einen geistlichen Impuls, der Sie oder Ihre Steuerungs-/Konzeptgruppe inspirieren oder der bewusst am Ende oder zu Beginn eines gemeinsamen Treffens in der Pfarrei/im Pfarrverband/in Ihrer Einrichtung stehen kann. Ebenso können andere passende liturgische Elemente, die zu Beginn oder zum Abschluss einer Wegetappe stehen, diesen geistlichen Wegcharakter verdeutlichen, wie z.B. ein Gebet zum Aufbruch in die Analyse des Sozialraums oder ein Segen zum Abschluss eines Projekttags.

6. Biblischer Impuls: Unsere Berufung und die Vision vom reichen Fischfang

Als Jesus am Ufer des Sees Gennesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören. 

Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 

Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus. 

Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! 

Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. 

Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. 

Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen. 

8 Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder. 

Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;

10 ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. 

11 Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

Lk 5,1-11  

Vom Grundauftrag des Evangeliums und der Resignation in den Gemeinden

Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! 

Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.

Geht es uns nicht auch oft so: Wir machen und tun, Jahr für Jahr und die Kirchen werden immer leerer … Oft sind in den Gemeinden Sätze zu hören wie: „Niemand kommt mehr. Kein Interesse ist da … Keiner macht mehr mit …“

Wir sind es müde geworden, unsere Netze dauernd auszuwerfen und nichts zu fangen.

Es gibt im Wesentlichen drei Formen im Umgang mit dieser resignativen Stimmung. 

Was erleben Sie bei sich selbst?

Resignation und innere Emigration: Dahinter steht das Gefühl nichts mehr ändern zu können und zu wollen. Menschen haben keine Hoffnung mehr, dass sich an der Lage etwas ändern wird bzw. dass sie etwas bewirken oder daran ändern können. Sie unternehmen nichts, um die Situation umzugestalten oder zumindest zu verbessern.

Resignation und Rückzug in die „heile Welt“ der Gemeinde häufig verbunden mit Abgrenzungsmechanismen, die eine Art Selbstschutz darstellen. Denn die „anderen“ brauchen doch nur kommen, wenn nicht ist es auch ok. Wir tun doch alles, damit unsere Pfarrei lebendig bleibt, was sollen wir sonst noch tun?

Der Situation ins Auge sehen und im Vertrauen auf die Zukunft neu „Land gewinnen“: 

Akzeptieren was ist, ist die Voraussetzung, um etwas ändern zu können. Solange wir etwas leugnen, der Situation nicht ins Auge sehen, sie nicht wahrhaben wollen, können wir auch nicht lernen, damit umzugehen. Der vom Pastoraltheologen Rainer Bucher immer wieder geforderte „Akzeptanzimperativ, nicht in einer anderen Welt leben zu können als in jener, in der man lebt und gerade sie als Aufgabe der Kirche anzusehen“ (1), kann durchaus entlastend wirken und frei machen für eine neue Sicht. 

Es ist heute wichtiger denn je, die Wandelsituation, in der sich Kirche befindet nicht nur innerkirchlich, sondern auch gesamtgesellschaftlich, erst einmal anzuschauen und nicht reflexartig abzuwehren.

Welchen dieser Resignations-Formen begegnen wir täglich in unserer Pfarrei/in unserem Pfarrverband? Was ist meine Grundhaltung zur derzeitigen Situation bei uns?

Gehen wir nun einen Schritt weiter: Wie begegnet die biblische Geschichte dieser scheinbar ausweglosen Situation?

Vom Vertrauen in die Botschaft Jesu und der Vision vom reichen Fischfang

Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. 

Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. 

Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, sodass sie fast untergingen. 

Obwohl er die ganze Nacht über nichts gefangen hat, traut Petrus dem Wort Jesu und wirft sein Netz erneut aus.

Haben wir noch Vertrauen in die Botschaft Jesu „Fürchte dich nicht“? Haben wir noch Vertrauen darin, Menschen für die Sache Jesu begeistern zu können? Wo sind wir selbst noch begeistert von dem, was wir tun oder sind wir eingespannt in ein Hamsterrad unserer Arbeit von Advent bis Advent? Brennen wir noch oder hat uns und unsere Gremien gewissermaßen ein kirchlicher Burn-out erfasst? Dann wäre es dringend Zeit, sich eine Auszeit zu nehmen.

Vor allen Debatten um die Zusammenlegung von Pfarreien, um Gottesdienstordnungen etc., die sicher sehr wichtig sind, geht es in der Nachfolge Jesu doch letztlich um das Verkündigen der Botschaft Jesu von jedem und jeder von uns an seinem Ort, vor Ort, nahe an den Menschen. Das bedeutet, immer wieder die Netze auszuwerfen und Menschen aus den Tiefen Ihres Lebens zu holen.

Und nicht zuletzt: Haben wir noch die Vision von reichen Fischfang? Sind wir ein Kreis, der schon die Vision aufgegeben hat und nur noch jammert? Was strahlen wir als Pfarrei aus?

Von der Zumutung „Menschenfischer“ zu sein auch heute

Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; 

10 ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. 

11 und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.

In der Nachfolge Jesu ist uns zugesprochen „Fürchtet euch nicht“. In diesem Vertrauen dürfen, ja müssen wir immer wieder neu versuchen, unsere Netze auszuwerfen. Die Vision vom reichen Fischfang ermutige uns immer wieder dazu.

(1) Bucher, Die Provokation annehmen, 453.