Impulspapier

Impulspapier für das Projekt „Pastoral planen und gestalten“ 
Dr. Bernhard Spielberg 

…damit Kirche am Leben dranbleibt. Den Gestaltwandel der Kirche vor Ort begleiten

1. Verpuppungen

Die Formen des kirchlichen Lebens verändern sich. Dieser Gestaltwandel zeigt sich besonders radikal in den Pfarreien. Gerade hier werden binnenkirchliche wie soziokulturelle Entwicklungen konkret als Grenzen erfahren, an denen deutlich wird: Es wird nicht so weitergehen wie bisher. 

Das Problem der Kirche sind jedoch nicht zuerst institutionelle Binnenphänomene wie etwa der so genannte Pfarrermangel oder zurückgehende Einnahmen. Es ist ihre Exkulturation, also ihre wachsende Entfremdung von den Erfahrungen der Menschen von heute. Gerade die Pfarrgemeinden in ihrer gegenwärtigen Form stellen nur noch für einen Bruchteil der Menschen den Ort dar, an dem sie die Lebensrelevanz des Evangeliums und die „Evangelienrelevanz“ ihres Lebens erfahren können. Vor diesem Hintergrund werden die Herausforderungen an die Kirche sichtbar – also das, was sie aus den gewohnten Denk- und Handlungsmustern herausfordert. Das sind vor allem: 

  • der steigende Individualisierungsdruck (d.h. jeder und jede trägt selbst Verantwortung die Chancen und Risiken des eigenen Lebens), 
  • die Pluralisierung der Lebenswelten, auch in religiöser Hinsicht, 
  • die Rasanz technologischer Innovation und die mit ihr verbundene Entwicklung neuer Kommunikationsformen, 
  • Prozesse kultureller und ökonomischer Globalisierung sowie die Erhöhung der Mobilität und die damit zusammenhängende Relativierung des Ortes und nicht zuletzt 
  • die Polarisierung von Arm und Reich, die zur sozialen Exklusion von Millionen von Menschen führt. 

2. Metamorphosen

Wir stehen in einem Übergang. Das eine bleibt, anderes verschwindet, vieles wird neu. Die neue Gestalt der Kirche wird sich erst noch entpuppen. Derartigen Übergängen kann man mit zwei Haltungen begegnen: Angst oder Vertrauen. Letztere ist die Haltung eines Glaubens an einen Gott, der überrascht und immer wieder auf neue Wege führt. An einen Gott, der der Kirche nicht zur Verfügung steht, sondern von ihr immer mehr zu entdecken ist (vgl. Dei Verbum 8 / Gaudium et spes 44). 

Pastorale Planung und Gestaltung sind in diesem Geist nicht Anpassung an unvermeidliche Entwicklungen. Sie sind Elemente einer Erneuerung der Kirche, eines Wachsens in der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung (vgl. Unitatis redintegratio 6). Die Kirche ist an allen ihren Orten dazu berufen, Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung der Menschen mit Gott und untereinander zu sein (vgl. Lumen gentium 1 / Gaudium et spes 45) sowie „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und bedrängten aller Art“ zu teilen (GS 1). Anders gesagt: Auftrag der Kirche ist die (Ver-)Ortung von Glauben in den Welten von heute. 

Glaube meint „die Kunst, mit dem Geheimnis und den Paradoxen des Lebens zu leben“(1), wie es der tschechische Priester und Philosoph Tomáš Halík ausgedrückt hat. Es ist die Haltung, trotz guter Argumente für das Gegenteil überhaupt mit so etwas wie dem Guten zu rechnen. Das ist auch der Glaube, den Jesus beim Hauptmann von Kapharnaum (Mt 8,10.13), bei der blutflüssigen Frau (Mk 5,34) oder beim blinden Bartimäus (Mk 10,52) bestaunt und dem er eine weltverändernde Kraft zuspricht: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ 

Die Ortung des Glaubens steht für das Aufspüren jener gewöhnlichen und außergewöhnlichen Orte und Formen, an bzw. in denen dieser Glaube heute seinen Ausdruck findet. Das Volk Gottes ist damit über die institutionellen Grenzen und eingeübten Sprachspiele der Kirche hinaus auf andere Orte verwiesen wie ein Entdecker – nicht wie ein Eroberer – auf unbekanntes Terrain. Es gibt prinzipiell keinen Ort, der dafür nicht relevant wäre. 

Die Verortung des Glaubens ist daneben die Aufgabe, die eigene Tradition von der Gegen-wart her in den Blick zu nehmen und an einem konkreten Ort spürbar zu machen, was geschieht, wenn Glaube ins Spiel kommt. Es ist das, was Seelsorgerinnen und Seelsorger am Bett von Sterbenden wie in der Schuldnerberatung, in der Predigt wie im Feiern tun – wobei man besser von wagen sprechen sollte. Denn diese Verortung ist alles andere als das selbstgewisse Verfügen über die Tradition der Kirche. Sie bleibt ein Wagnis im Vertrauen darauf, dass sich ereignet, wovon die Rede ist: Hoffnung, Erlösung, Umkehr oder Freude. 

Das Zweite Vatikanische Konzil sprach noch von „der Welt“, als ob es eine im Ganzen fassbare und vielleicht sogar objektiv zu beurteilende Realität gäbe. Dieses Weltbild hat sich verflüssigt. Es gibt – in der philosophischen Erkenntnistheorie wie in der praktischen Erfahrung vieler Menschen – nicht die eine Welt als solche. Vielmehr gibt es „unendlich viele Welten, die sich teilweise überlappen, teilweise aber in jeder Hinsicht voneinander unabhängig sind“, wie es der Philosoph Markus Gabriel formuliert.(2) Für die Kirche bedeutet das, zum einen das Wegbrechen eines allumfassenden Sinn- und Bedeutungszusammenhangs ernstzunehmen – und damit auch Abschied zu nehmen vom Anspruch, ein- für allemal und überall gültige Handlungsmuster entwerfen zu wollen. Zum anderen gilt es aber auch, die Bedeutung dessen, was in den vielen „kleinen Welten“ geschieht oder gedacht wird, zu würdigen.

(1) Tomáš Halík, Der Rock der Kirche und die Nacktheit Gottes. Vortrag für deutsche Theologiestudenten, Trier, April 2012, im Internet unter: www.ps-trier.de/daten/downloads/Referat-Halik.pdf, 8 (15.01.2014). 

(2) Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt, Berlin 2013, 87. 

3. Entpuppungen

Metamorphosen brauchen Zeit. Lebensformen verändern sich nicht über Nacht. Und ihre Verwandlung ist nicht minutiös zu berechnen. An fünf Elementen lassen sich aber heute bereits Entpuppungen einer neuen Gestalt kirchlicher Präsenz erkennen:

1. Biographische Aufmerksamkeit 

Es gibt nicht nur die Freiheit, sondern auch die Pflicht, das eigene Leben zu gestalten und zu präsentieren. Orte, an denen Menschen ihre Berufung entdecken und leben können, werden gefunden. 

2. Ästhetische Attraktivität 

Man kann nicht nicht milieusensibel kommunizieren. Orte, an denen es gelingt, das Evangelium von denen her zu entdecken, denen man es verkündet (Rainer Bucher), sind attraktiv. 

3. Diakonische Berührbarkeit 

Im Umgang mit den Ausgeschlossenen zeigt sich die Glaubwürdigkeit des Evangeliums. Orte, an denen die herrschenden sozialen Grenzen überwunden werden, strahlen Hoffnung aus. 

4. Spirituelle Sprachfähigkeit 

„Nur wer religiös angesprochen wird, antwortet religiös.“(3) Orte an denen nicht über, sondern in Gottes Gegenwart gesprochen wird, sind kraftvoll. 

5. Lokale Erfahrbarkeit 

Eine Kirche, die die unhintergehbare Individualität der Menschen respektiert, wird eine „liquid church“ (Pete Ward) sein. Das heißt: eine Kirche, die von der Sehnsucht der Menschen nach Gott her gestaltet ist. Orte, die davon ausgehen, fragen erst am Ende nach den Strukturen.

(3) Armin Nassehi, Erstaunliche religiöse Kompetenz. Qualitative Ergebnisse des Religionsmonitors, in: Bertelsmann Stiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, 113-133, hier 129. 

4. Der Weg ist das Pastoralkonzept

Pastoral planen und gestalten ist nicht das Ziel, sondern der Weg. Ein Weg, der beim Einzelnen beginnt und davon ausgehend entdeckt, wie die Kirche vor Ort am Leben dranbleiben kann. Das Pastoralkonzept entsteht unterwegs. Der Prozess bietet einen Rahmen, um Entscheidungen zu treffen, wie die Präsenz der Kirche vor Ort aussehen soll. Grundlegend orientiert er sich an folgenden Optionen:

1. Option für die Kirche vor Ort 

Kirchenentwicklung geht nicht von „oben“. Kirche wächst vor Ort, genauer gesagt: im Sozialraum. Hier leben die Expertinnen und Experten. Hier sind relevante pastorale Entscheidungen zu treffen. 

2. Option für Abschiede und Experimente 

Wie die Kirche morgen aussehen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Aber es lassen sich Räume schaffen, um zu experimentieren, Neues zu probieren und Sterbendes loszulassen.

3. Option für Gabenorientierung 

Die Präsenz der Kirche erwächst nicht aus der Erfüllung von Aufgaben, sondern aus dem Teilen von Gaben. Sie gilt es wahrzunehmen und fruchtbar zu machen. 

4. Option für dienende Strukturen 

Form follows function – die Form folgt der Funktion – heißt es in der Bauhaus-Architektur. Das gilt auch für die Strukturen der Kirche. Sie sind kein Selbstzweck, sondern dienen ihrer Berufung. Daher sind sie das Letzte. 

Pastoral planen und gestalten heißt, den Gestaltwandel der Kirche vor Ort zu begleiten. Es könnte sein, dass es dort – wie bei der Raupe – bereits Zellen gibt, aus denen sich die Organe der neuen Gestalt bilden.